Praxisbeispiel des Monats

Kühle Orte Pradl

Ein Quartiersprojekt gegen Hitze — mit vollständiger Wirkungslogik, den tatsächlich verwendeten Indikatoren, zwei verworfenen Kennzahlen und den Stellen, an denen das Team umplanen musste.
Kommune · Klimaanpassung
Laufzeit 18 Monate
Budget 140.000 €
Wirkungslogik offengelegt

Die Ausgangslage

Pradl ist ein dicht bebautes Innsbrucker Stadtviertel mit wenig Grün und einem hohen Anteil älterer Menschen in Wohnungen ohne Balkon. An Hitzetagen liegt die gemessene Temperatur im Quartier regelmäßig über der der Umgebung. Die Sozialsprengel meldeten in heißen Sommern vermehrt Meldungen über ältere Personen, die tagelang die Wohnung nicht verließen.

Der Bezirksausschuss hatte 140.000 Euro für „Maßnahmen gegen Hitze“ beschlossen. Was damit erreicht werden sollte, stand nirgends. Genau an diesem Punkt begann die Arbeit.

Die Wirkungslogik

AUSGANGSLAGE AKTIVITÄTEN LEISTUNGEN WIRKUNG Ältere Menschen meiden an Hitzetagen den Weg nach draußen. Vier beschatteteSitzplätze bauen Trinkbrunneninstand setzen Nachbarschafts-Anrufkette aufbauen 4 kühle Orte,2 Brunnen nutzbar 31 Personen inder Anrufkette Ältere verlassen an Hitzetagen häufiger die Wohnung.
Die vollständige Kette, wie sie im Projektantrag stand — inklusive der Annahme, dass Schatten allein nicht reicht, wenn niemand vom Ort weiß.

Die Indikatoren — auch die verworfenen

Sieben Indikatoren wurden definiert, fünf davon durchgehalten. Zwei landeten im Papierkorb. Beide Fälle stehen hier, weil sie mehr lehren als die funktionierenden.

Indikator Erhebung Status
Gemessene Lufttemperatur an den vier Orten gegenüber Referenzpunkt Zwei Messfühler, stündlich, Juni bis September gehalten
Belegung der Sitzplätze an Hitzetagen Zählung durch Freiwillige, drei Zeitfenster täglich gehalten
Anteil Personen über 70 unter den Nutzenden Beobachtung mit Schätzraster, kein Personenbezug gehalten
Selbstberichtete Aufenthaltsdauer im Freien Kurzbefragung, 62 Personen, zwei Wellen gehalten
Anzahl aktiver Kontakte in der Anrufkette Führungsliste der Koordinatorin gehalten
Hitzebedingte Rettungseinsätze im Sprengel Daten der Rettungsleitstelle verworfen
Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld insgesamt Online-Fragebogen verworfen

Warum die beiden Indikatoren gestrichen wurden

Rettungseinsätze: Die Fallzahlen im Sprengel lagen im niedrigen zweistelligen Bereich pro Sommer. Bei dieser Größenordnung überlagert jede Wetterschwankung den Projekteffekt vollständig. Der Indikator hätte Zahlen geliefert, die niemand hätte deuten können — und die im Zweifel gegen das Projekt verwendet worden wären.

Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld: Zu weit weg von der Maßnahme. Vier Sitzplätze verändern nicht, wie zufrieden jemand mit seinem Viertel ist. Der Indikator hätte gemessen, was das Projekt nicht beeinflussen kann.

Einen Indikator zu streichen ist kein Rückschritt. Er verhindert, dass am Ende eine Zahl im Bericht steht, die niemand verantworten kann.Koordinatorin des Projekts, Rückblickgespräch nach der ersten Saison

Drei Stolpersteine

Der schönste Ort war der falsche.Der erste Sitzplatz entstand an einer gut beschatteten Stelle im Park — 400 Meter von den Wohnhäusern entfernt. Genau die Zielgruppe ging diese Strecke an Hitzetagen nicht. Nach der ersten Zählung wurden zwei Plätze verlegt, direkt an die Hauseingänge.
Die Anrufkette lief nicht von selbst.Die Annahme war, dass sich Nachbarschaftskontakte nach einem Auftakttreffen selbst organisieren. Nach sechs Wochen war die Liste eingeschlafen. Erst als eine bezahlte Koordinationsstelle mit vier Wochenstunden eingerichtet wurde, blieb sie stabil.
Zählen ist Arbeit.Die Belegungszählung durch Freiwillige war methodisch sauber gedacht und praktisch zu aufwendig. Ab der zweiten Saison wurde auf ein einfacheres Raster mit zwei statt drei Zeitfenstern umgestellt — weniger genau, dafür durchhaltbar.

Was gemessen wurde

An den vier Orten lag die Lufttemperatur an Hitzetagen im Mittel spürbar unter dem Referenzpunkt an der offenen Straßenkreuzung. Die Sitzplätze an den Hauseingängen waren an heißen Nachmittagen fast durchgehend belegt, der Platz im Park deutlich seltener. In der Kurzbefragung gab gut die Hälfte der Befragten an, an Hitzetagen häufiger draußen zu sein als im Sommer davor.

Was sich nicht zeigen ließ: ob dadurch gesundheitliche Folgen vermieden wurden. Dafür war das Projekt zu klein und der Zeitraum zu kurz. Das steht so auch im Abschlussbericht.

Werkzeug

Wirkungslogik aufbauen

Die Kette oben in vier Schritten für dein eigenes Vorhaben erstellen — mit denselben Rückfragen, die hier zum Streichen zweier Indikatoren geführt haben. Kostenfrei, ohne Anmeldung, Ergebnis als PDF.

Werkzeug öffnen →

Was übertragbar ist

Drei Dinge lassen sich mitnehmen, unabhängig vom Thema. Erstens: Der Weg zur Maßnahme gehört in die Wirkungslogik. Ein Angebot, das die Zielgruppe nicht erreicht, wirkt nicht, egal wie gut es ist. Zweitens: Selbstorganisation ist eine Annahme, keine Tatsache — wer sie einplant, sollte einen Plan B mit Ressourcen haben. Und drittens: Ein Erhebungsverfahren, das im ersten Sommer funktioniert und im zweiten scheitert, war von Anfang an zu aufwendig.

Zur Einordnung

Dieses Praxisbeispiel ist ein Musterfall, den wir zur Veranschaulichung konstruiert haben — die Wirkungslogik, die Indikatoren und die Stolpersteine folgen typischen Mustern aus kommunalen Klimaanpassungsprojekten, die Zahlen sind jedoch nicht erhoben. Sobald reale Projekte ihre Unterlagen freigeben, ersetzen wir dieses Beispiel durch dokumentierte Fälle.

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Wir suchen dokumentierte Projekte — besonders solche, bei denen etwas anders lief als geplant. Gegengelesen wird vor Veröffentlichung.